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DOS & DON'TS
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Es passierte am 11. September 1998. Ein Freund von mir hatte Geburtstag und wir feierten in der Wohnung eines anderen Freundes. Es war drei Uhr morgens und ich lief durch eins von Bostons Ausgehvierteln. In Boston schließen die Bars um zwei, also waren Hunderte von Leute auf der Straße. Die Gegend war auch noch direkt neben Fenway Park, also sozusagen das Epizentrum des richtig finsteren Nachtlebens in Boston. Im selben Moment, als wir dieses Viertel betraten, erschien ein Auto mit einem jungen Vietnamesen, so um die 17, und zwei anderen Typen, so Mitte oder Ende 20. Diese Typen waren alle aus dem selben Viertel, alle Vietnamesen, Einwanderer der ersten Generation. Sie fuhren an uns vorbei und der Freund, mit dem ich unterwegs war, Ryan Bernstein, hat diesen riesigen Juden-Afro, wie Mitch Mitchell vom Jimi Hendrix Experience. Und so einfach fing es wirklich an: Wir liefen über diese Brücke, wir kamen in dieses Viertel, unsere Pfade kreuzten sich mit diesem Auto, was da rumcruiste und die Typen hatten die Fenster auf und fingen an, meinen Freund wegen seiner Haare zu hänseln. Wir machen also einen auf „Fuck you too!“ und das Auto fährt weiter. Es fuhr ein bisschen schneller, als wir liefen, weil wir in so einem Pulk von Menschen steckten. Das Auto fährt aber einfach einmal im Kreis, bis es wieder neben uns ist. Beim zweiten Mal war es dasselbe: „Schöne Frisur, Tunte“, oder so was. Ich bin mir nicht mal sicher, ob wir wirklich verstehen konnten, was sie sagten, denn sie waren vietnamesische Immigranten der ersten Generation, aber wir waren nicht die Typen, die so was auf sich sitzen lassen: „Fuck you, too!“ oder „Lutscht doch Schwanz“. Für uns war es mehr so eine Art Wortgefecht. Ich glaube nicht, dass wir auch nur annähernd so aggressiv drauf waren wie sie. Ich glaube nicht, dass irgendeiner von uns dachte, es könnte eine Schlägerei draus werden. Als sie also das dritte Mal vorbeikamen, kamen wir gerade an eine Ecke, wo der Bürgersteig irgendwie breiter wurde. Wir waren zu viert in zwei Zweiergrup-penzwei meiner Freunde waren ungefähr einen halben Block weiter vorne und ich und mein Freund Leigh waren hinten. Die Typen kamen wieder rum und verlangsamten neben mir, vielleicht weil sie mich zuerst sahen oder weil ich unser Wortgefecht mit den Typen angeführt hatte. Also verlangsamten sie, um so ca. zehn Sekunden lang neben mir herzufahren. Und natürlich fingen wir gleich wieder mit dem gegenseitigen Gedisse an und plötzlich geht die Tür auf und dieser Junge steigt hinten aus dem Auto. In der Hand hält er etwas, das wie ein winziger Schlagstock aussieht. In Wirklichkeit war es ein kleines Samuraischwert, wie die, die man immer in Headshops sieht, aber in eine Mülltüte oder so was gewickelt. Der Junge war winzigich war damals 21 und er war 17 und echt klein. Er reichte mir wahrscheinlich gerade mal bis zum Kinn, oder so, also ein ganz schöner Unterschied. Er steigt also aus dem Auto, ich sehe den Schlagstock, aber, wie gesagt, weil er so perfekt in die Mülltüte eingewickelt war, machte ich mir keine Sorgen. Ich meine, wenn der Typ mit ‘nem blanken Messer auf mich zugekommen wäre, hätte ich mich verdammt schnell verpisst. Ich war nicht besonders scharf auf die Auseinandersetzung aber sagte irgendwas wie „Kleiner Typ, kleiner Knüppel“. Ich war ganz offensichtlich ziemlich breit, war gut drauf und lief da einfach mit meinem Kumpel lang, der Geburtstag hattean alles, was dann passierte, kann ich mich nicht erinnern. Aufgrund meiner Verletzung stelle ich mir es ungefähr so vor: Der Kleine kommt auf mich zu und das Erste, was, glaub ich, passierte, war, dass er das Ding schwingt und ich danach greifeund so habe ich den Zeigefinger und den halben Mittelfinger an der linken Hand verloren. Es muss einfach so meine Faust durchstochen haben, oder vielleicht war meine Hand auch offen, weil ich nach seiner Hand greifen wollte, aber es ging mitten durch und ich kann mich nicht erinnern wie. Auf jeden Fall bekam ich danach eine Riesennarbe auf dem Bauch verpasst und dann eine auf dem Rücken. Ziemlich treffsicher, das muss man dem Typen lassen. Er hat alle lebensgefährlichen Stellen erwischt. Er erwischte mich quer über dem Magen, aber nicht tiefer als die dicke Fettschicht, die ich mit mir rumtrage, also blieben meine Eingeweide verschont. Aber er erwischte mich auch am rechten Arm über dem Ellbogen, also anders gesagt, genau an der großen Vene, die am Arm runtergeht. Meine zwei anderen Freunde kamen, als die Prügelei losging, sofort zurückgerannt, wir droschen wahrscheinlich so eine halbe Minute aufeinander herum, bis uns entweder meine Freunde oder irgendwelche Leute auf der Straße auseinander zogen. Im selben Moment, als man uns irgendwie auseinandergezerrt hatte, sprangen die Typen wieder in ihr Auto. Dann stand ich erst mal am Straßenrandich hatte ein weißes T-Shirt und Jeans an und ich erinnere mich, wie ich an mir herunterschaute und es sah aus, als hätte mich ein Clown oder eine riesige Hure mit knallroten Lippen auf den Bauch geküsst. Von unterhalb der Lunge bis zu meinem Gürtel war alles knallrot. Ich konnte aber nicht mal was spüren. Ich hob mein T-Shirt und sah meinen aufgeschlitzten Bauch. Es sah ziemlich böse aus und es war zu diesem Zeitpunkt die einzige Verletzung, der ich mir bewusst war. Mein Freund, der gerade eben erst selber aufgehört hatte, den Typen zu verdreschen, dreht sich in dem Moment um und sagt: „Morgan, deine Finger“, und fällt in Ohnmacht. Er fiel einfach um. Ich weiß noch, dass er einfach so neben dem Auto stand, immer noch kurz davor, sich mit den Typen zu prügeln, die schon wieder ins Auto stiegen. Sie stiegen ein und er war wirklich kurz davor, durch das Glas zu schlagenso wie er dastand. Er drehte sich umund er war ein ziemlicher Brocken, er war aus Philadelphiaund er sah meine Hand, welche, um nochmal daran zu erinnern, zwei Finger weniger hatte und aus der das Blut sprudelte und er sagte nur: „Morgan, deine Hand“, und fiel um. Wie im Film. Ich sah zu meiner Hand runter, dann hob ich sie auf Hüfthöhe und streckte sie vor mir aus und sah, dass zwei Finger fehlten. Dann wanderte mein Blick auf die Straße, und ich weiß nicht mehr, wieviel ich mich bewegt hatte, aber ich sah einen meiner Finger am Boden. Das war in diesem Moment etwas komisch, denn mein Vater war in Kentucky aufgewachsen, wo sie im Sommer immer den Tabak ernten mussten. Wenn man Tabak erntet, zieht man die Pflanze erst aus der Erde und dannich bin mir sicher, heute gibt es eine Maschine dafürdann halten zwei Leute den Stängel und die Blätter und man scheidet abwechselnd den Stängel durch. Man hält sie einfach zwischen sich und jemand anderes hackt mit einer Machete oder so einfach den Stängel ab. Die Pflanzen sind groß, aber es kann trotzdem einiges schief gehen. Bei meinem Vater war es sein Freund, der ihm den Finger abhackte. Er war ein Junge, um die 13, als es passierte. Er hat mir die Geschichte nur erzählt, weil ich die Narbe an seinem Finger sah, als ich noch jünger war, und ich weiß noch, dass ich Riesenschiss hatte und ihn gefragt habe: „Was haben sie gemacht?“, weil der Finger ja noch an der Hand war. Und er sagte: „Na, ich ging ins Krankenhaus und sie haben den Finger wieder angenäht.“ Er erzählte, dass er einen Tag später schon wieder aus dem Krankenhaus raus war. Als ich also meinen Finger am Boden liegen sah, erinnerte ich mich sofort daran und dachte: „Ich muss ins Krankenhaus, ich bin zwei Tage drin, ich komm wieder raus, alles ist in Ordnung.“ Ich ging einfach sofort davon aus: Finger ab, kein Problem, hatte Dad auch, Familienerbe. Ich geh und lass sie die Finger wieder annähen und am nächsten Tag bin ich wieder draußen. Was ich nicht wusste, war, dass sie meine Finger direkt am Gelenk abgesäbelt hatten. Ein Schnitt am Gelenk ist etwas ganz anderes, logisches ist ja das Gelenk an der Hand. Also müssen sie, statt den Finger einfach wieder dran-zunähen, die Knochen wieder zusammenschweißen. Jetzt habe ich also zwei so Stöcke, die von meiner Hand abstehen; ich kann keinen der beiden Finger in der Mitte biegen. Am Fingergelenk kann ich sie ein bisschen bewegen, anders ausgedrückt, ich kann ein L damit machen, aber ich kann sie nicht abknicken und ein schönes C draus machen. Der Kleine, der das gemacht hat, hat am Ende fünf Jahre dafür gekriegtwas ich nicht besonders finde. Er wollte immerhin ganz klar Blut sehen. MORGAN LEBUS CONTINUED: ACTION! | 1 | 2 | 3 | Next> |