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DOS & DON'TS











Prügelei auf dem Dorffest
Das ist wahrscheinlich das Krasseste, was ich je mit eigenen Augen gesehen habe. Als ich klein war, gab es in meiner Stadt so einen Jahrmarkt. Es gab so eine Art Konkurrenzkampf zwischen unserer Stadt und der Nachbarstadt, wie das wahrscheinlich zwischen allen benachbarten Städten auf der Welt ist. Wir hingen da also ab und auf der anderen Seite des Rasens hingen ein paar Typen aus der anderen Stadt mit einem unserer Mädchen ab. Wir fanden es nicht so toll, dass sie da mit ihnen rumhing und das wurde nicht gerade besser, als so ein Typ—ihr Freund, wie sich dann herausstellte—ihr vor unser aller Augen eine langte. Also sind ein paar von uns zu ihnen rüber und sagten ihnen die Meinung.


Mein Kumpel Tommy—heute ist er ein totaler Hüne, aber damals war er ein ziemlicher Winzling—ging also geradewegs auf den Typen zu, der sie geschlagen hatte. Er war riesig. Aber Tommy war auch nicht gerade ein Schisser. Er sagt also: „Was zum Teufel machst du da?“ Und plötzlich zieht der Typ aus der anderen Stadt eine Knarre—sah aus wie eine 9 mm oder so was—und drückt sie Tommy ins Gesicht. Man muss dazu sagen, das ist hier ein Dorfjahrmarkt: komplett voll mit Bullen. Also, die Knarre erscheint und plötzlich ist es, als wäre irgendein Gong geschlagen worden—es schien, als hätten alle Karussells angehalten, die Musik ging aus; man konnte förmlich die Ampeln von rot auf grün schalten hören, so still war es.

Alle denken nur „Scheiße“ und im Bruchteil einer Sekunde, bevor die Bullen reagieren können, bevor jemand auch nur einen Furz hätte lassen können, hebt mein Kumpel Tommy seine linke Hand (der Typ hat die Knarre in der rechten Hand), greift den Typen kurz unter der rechten Schulter und zieht ihn so dicht an sich ran, wie es geht, ohne ihn ins Gesicht zu küssen und klemmt sich die Hand mit der Knarre unter den Arm. Mit der rechten Hand fängt er derweil an, dem Typen ordentlich die Fresse zu polieren. Beim dritten Schlag läuft dem Typen Blut aus der Nase, mit dem vierten haut er dessen Auge zu Klump und dem Typen sacken die Knie weg. Tommy lässt den Arm los, schnappt sich die Pistole und drischt dem Kerl nun mit der Pistole ins Gesicht. Ich bin ganz auf das Geschehen vor mir konzentriert und kriege nicht mit, dass die Polizisten inzwischen einen Ring um die Schlägerei bilden. Ich schau hoch und sehe die Bullen, wie sie mit den Händen auf den Hüften dastehen und das Geschehen einfach nur beobachten. Er drischt also mit der Pistole auf ihn ein und als der Typ aussieht, als hätte er das Bewusstsein verloren, sagt einer der Bullen: „Okay Tommy, das reicht. Wir nehmen ihn jetzt fest.“ Sie schnappen sich also den bewusstlosen Körper, verpassen ihm Handschellen und werfen ihn auf die Rückbank des Autos.

Also, wie der den entwaffnet hat—ich hab’s auch mal probiert, um es ein paar Leuten zu zeigen und ich kann es noch nicht mal, wenn der andere nicht bewaffnet ist. Und Tommy tat danach so, als wär nichts gewesen; wir gingen zurück in den Wald und tranken ein paar Bier. Er ist super. Ich zog nach Kalifornien. Aber einmal war ich zu Hause zu Besuch und sah mir einen Heavy Metal-Gig an. Ich hatte Tommy lange nicht gesehen und da bin ich also und sehe einen Schrank von einem Typen einen anderen Riesentypen verdreschen—direkt vor der Bühne. Er erledigte den Typen mit einem einzigen Schlag. Als der Riesentyp auf mich zukommt, denke ich nur: „Scheiße, ich bin doch noch nicht mal vorne vor der Bühne, ich hab ja sogar Angst, mein Bier zu verschütten“, und da ist es Tommy. Er sagt: „Hey Chris, lange nicht gesehen. Wie geht’s?“

CHRIS NIERATKO


Ich wurde (fast) erschossen
Ich war 13 Jahre alt, so eine Art New-Wave-Skaterkid mit ‘ner Tony Hawk- Föhnwelle und wollte was zu rauchen besorgen. Das war damals fast unmöglich und einer der wenigen, die was hatten, war Greg Grefauk. Er war auch 13, aber mit 13 ist das so ‘ne Sache—das ist ein echt seltsames Alter. Es gibt 13-Jährige, die sehen aus wie Türsteher, die haben ‘nen Schnauzer und ein Auto. Und dann gibt es 13-Jährige, sie sehen aus wie acht. Ich war von der letzteren Sorte. Er von der ersteren.

Nachdem meine Suche nach Pot also gescheitert war, musste ich auf Greg zurückgreifen. Er gab einem das Gras umsonst, aber dafür kam es einen auf andere Weise teuer zu stehen: man musste mit ihm abhängen, und zwar den ganzen Abend. Meine Kumpels und ich besuchten ihn und mussten uns dann stundenlang Metal anhören. Metal fand ich damals total Scheiße. Tu ich wahrscheinlich immer noch. Mit der Zeit verschwanden meine Freunde, einer nach dem anderen. Ich musste nicht zu einer bestimmten Zeit zu Hause sein, also konnte ich die ganze Nacht bleiben, wenn ich wollte. Er hatte auch keine vorgeschriebene Schlafenszeit—um genauer zu sein, war seine Mutter noch nicht mal zu Hause. Sie war auf Hawaii zum Abfeiern. Sie war reich, weil sie sich von irgendeinem reichen Knacker scheiden lassen hatte, aber in Wirklichkeit war sie so prollig, wie es irgend geht. Greg und seine Mutter lebten in einer riesigen Villa—aber von der Sorte, wo außen alles toll aussieht, aber eigentlich ist es total billig gemacht—und es gab keine Möbel. Überall stapelte sich irgendwelches Gerümpel. Die einzige Form von Dekoration, die es in dem Haus überhaupt gab, war eine Wand in Gregs Zimmer, die mit leeren Marlboropackun-gen tapeziert war. Er war stolz darauf, wie viele Zigaretten er schon geraucht hatte.

Gegen fünf Uhr morgens, schiebt Greg ein Iron Maiden-Video rein und dreht die Lautstärke so hoch, wie es irgend geht. Das war, als würde er versuchen, mich zu foltern, um zu sehen, wie weit er bei mir gehen kann. So wie, wenn gerade adoptierte Kinder voll fies sind, um zu testen, ob es die neuen Eltern wirklich ernst meinen. Ich hielt also durch und nach einer halben Stunde schlug Greg vor rauszugehen und Kaninchen zu jagen. Ich sagte, klar. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis es Zeit für mein Gras war—ich hatte es mir echt verdient.

Er schnappte sich die .22er von seinem Vater und fuchtelte damit im Zimmer rum. Ich dachte mir nicht viel dabei und ging erst mal aufs Klo pissen. Als ich aus dem Klo kam, hat er dann auf mich geschossen. PENG! Ich kann mich erinnern, dass ich sah, wie er ganz bleich wurde und merkte, dass es mich rückwärts gegen die Badezimmertür geworfen hatte und dass ich jetzt am Boden saß. Die Kugel hatte mich an der Seite getroffen, hatte meine Leber und Niere durchlöchert, war von meinen Rippen abgeprallt und dann auf dem Weg durch meinen Rücken stecken geblieben. Das heißt, man konnte die Spitze der Patrone aus meinem Rücken ragen sehen. Ich schaute an mir herunter und sah einen riesigen roten Fleck auf meinem Hemd, der sich viel, viel zu schnell ausbreitete. Es lässt sich unmöglich beschreiben, welche Angst ich damals ausstand—pure Todesangst.

Es ist ja so, dass die meisten Leute eine ganze Sammlung von Ratschlägen haben—für alles Mögliche, das einem so passieren kann. Wenn man sich den Finger verbrennt, sagt man: „Ach ja, eine Verbrennung“, und hält ihn ins Wasser, oder so etwas. Ich hatte leider keinen klugen Ratschlag für meine Situation. Alles, was ich über das Erschossenwerden wusste, hatte ich aus Rambofilmen und das war Folgendes: Du stirbst. Ich würde sterben. Dies waren meine letzten Momente auf der Erde. Etwas, was die Leute in Filmen in der Regel nicht machen, wenn sie angschossen wurden, ist aufzustehen und zu schreien: „DU VERDAMMTES ARSCHLOCH! WAS ZUM TEUFEL HAST DU GETAN?“ Aber genau das tat ich. Er sagte immer wieder: „Tut mir leid, Alter. Zeig mich nicht an.“ Das hat er ständig wiederholt: „Alter, zeig mich nicht an.“ Das mit dem Anzeigen hat mich nicht so gestört, wie das Wort „Alter“. Damals sagte noch nicht jeder ständig „Alter“ und es ging mir tierisch auf den Sack.

Ich lief erst mal ein paar Minuten fluchend durchs Haus, dann traf mich der Schmerz. Es ist schwer, die Schmerzen zu beschreiben. Stell dir einfach den schlimmsten Krampf vor, den du jemals hattest und multiplizier das mit 1000. Es hat mich im wahrsten Sinne des Wortes umgehauen und ich rollte mich in Fötalstellung am Boden zusammen und sagte Greg, er solle einen Krankenwagen rufen. Das hätte ich gerne auf Band. Er sagte: „Hey, ich glaube ... ich glaube, mein Freund wurde angeschossen.“ Und ich schrie: „Nein, du verdammtes Arschloch. Sag ihnen, DU hast mich angeschossen.“ Und er sagte: „Ja, ehrlich gesagt, hab ich meinen Freund angeschossen.“ Keiner von uns beiden hat bei der ganzen Sache auch nur eine Träne vergossen. Ich weiß noch, dass ich ein „Boys Don’t Cry“-T-Shirt anhatte.

Greg zog mich hoch (vergesst nicht, dass er einer dieser erwachsenen 13-Jährigen war) und trug mich raus auf den Rasen. Ich lag auf dem Rücken und sah in die Sterne, während ich zu Tode blutete und ich fing an, zu Jesus zu beten. Ich war damals Atheist und nölte meine Mutter permanent über das Christentum voll, aber in dieser Nacht betete und betete ich zu Jesus und flehte ihn an, mich am Leben zu halten. Dann hatte ich ein Erlebnis, das mein Leben verändert hat. Kennst du den Ausdruck „das ganze Leben zog einem an den Augen vorbei“? Das ist wirklich so. Ich schloss meine Augen und sah mein ganzes Leben in eine Art Zylinder hineinprojiziert. An beiden Seiten kam Ton heraus und spielte kurze Geräuschfetzen, die zu den Bildern gehörten. Es fing mit meinen letzten Erinnerungen an—wie ich an meinem 12. Geburtstag im Skatepark war—und lief dann chronologisch rückwärts weiter bis zu meiner Geburt. Während das Video auslief, ging es in weißes Licht über, auf das auch ich mich zu bewegte. Diese Klischees sind alle wahr.

Das Nächste, woran ich mich erinnern kann, ist, dass mich ein Krankenhelfer aus diesem Traumzustand riss. Ich öffnete die Augen und fragte: „Werde ich sterben?“ Und er sagte: „Ich weiß es nicht.“ Sollen sie einem nicht eigentlich sagen, dass alles gut wird? Ich bekam wieder Panik, als sie mich in den Krankenwagen legten und fragten, ob ich meine Zehen bewegen könne und so weiter. Sie machten eine operative Untersuchung und stoppten die Blutungen und das war’s. Organe heilen sich angeblich selber und wenn man die Blutungen gestoppt hat, geht der Rest von alleine. Als ich aufwachte, kam dieser aalglatte, tough aussehende Schwarze zu mir rüber und sagte: „Alles klar, Jeff. Ich bin der Chirurg, der dich wieder zusammengeflickt hat.“ Und ich sagte: „Danke, dass sie mir das Leben gerettet haben“, und er sagte: „Cool, kein Problem“, und dann sagte er: „Ich muss mit dir über was reden.“ Dann fing er an, mir einen Vortrag über das Gras zu halten; er wäre ja selbst ein Kind der 60er und er hat miterlebt, was das mit den Leuten macht und wenn ich das nicht lasse, wird nie was aus mir. Okay. Dann rauch ich halt nicht mehr.

Greg kam mich ein paar Tage später besuchen (ich war wochenlang im Krankenhaus). Ich hatte einen Katheder im Penis, den sie sofort bei meiner Ankunft reingesteckt hatten—was vermutlich noch traumatischer war, als angeschossen zu werden. Außerdem hatten sie mir ein fettes grünes Rohr durch die Nase bis in den Magen geschoben, das permanent Magensäure abpumpte. Greg kommt also an mein Bett und ist total am Durchdrehen und sagt: „Alter, ich weiß nicht, was ich sagen soll, Alter. Bitte hass mich nicht, Alter.“ Er gibt mir einen Brief und geht wieder. Ich wünschte, ich hätte den Brief noch. Die Rechtschreibung und Grammatik waren wie von einem Kindergartenprojekt. Das Schlimmste war, dass er „Alter“ falsch schrieb. Da stand „Alder“. Das war so ziemlich das einzige Wort, was er kannte und er konnte es noch nicht mal schreiben. Der Brief ging ungefähr so: „Alder. Es tut mir leit. Alder. Hass mich nicht, Alder. Alder. Ich weis nich was ich sagen soll. Alder.“ Der Hammer.

Kurz bevor ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, kam meine Mutter in mein Zimmer und sagte, wir müssten ein paar Versicherungsangebote durchgehen. Ich sagte: „Was? Ich krieg Geld, weil irgendein Idiot auf mich geschossen hat?“ Anscheinend kann man, wenn das bei jemandem zu Hause passiert, dafür Geld von deren Hausratsversicherung kriegen. Sie hatten Angebote, wie eine einmalige Summe von 200.000 Dollar, oder wie wär’s mit 800 Dollar monatlich für den Rest deines Lebens? Ich entschied mich für lebenslange Zahlungen und 5.000 Dollar in bar. Meine Eltern haben mich die 5.000 erst ausgeben lassen, als ich 21 war, aber jetzt bin ich 33 und krieg immer noch jeden Monat ‘nen Scheck. In gewisser Weise ist das wie ein Fluch, weil ich dadurch jeglichen Ehrgeiz verloren habe, aber scheiß drauf. Ich kenne Leute, die echt beschissene Jobs haben und da ist das allemal besser. Ich bin froh, dass ich angeschossen wurde.

JEFF JENSEN

CONTINUED:
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