| Jackson by Helene Giansily |
Smackulator |
Cultus Island |
EIDECHSEN
Die einzigen Tiere, die mir im Sommer in Aix-en-Provence wirklich aufgefallen sind (von einem Haufen Vögel, deren Namen ich mir nie merken kann, mal abgesehen), waren Eidechsen. Tagsüber sind sie über die Terrakottamauern des Swimmingpools geflitzt, an dem viele der Künstler und Gäste des dritten Territoires Electroniques Festivals, noch völlig benommen von der letzten Nacht, abhingen und in der Sonne dösten. Diese idyllische, dreitägige Veranstaltung fand in einem unberührten, J.G. Ballard-esken Vorort von Aix in der Vasarely Foundation statt, einem beeindruckenden, würfelförmigen Flachbau, an dessen Außenseiten riesige monochrome Platten angebracht sind. Entworfen von dem Künstler und Sozialtheoretiker Victor Vasarely und 1976 fertiggestellt, beherbergt dieses technokratische Gebäude heute eine weiträumige Galerie. Sie widmet sich ganz den gewaltigen Op-Art-Kunstwerken, die immer ein wenig an diese, in den 90ern an der Wand jedes Studenten hängenden, „Das Magische Auge”-Poster erinnern. Wenn man sie lange genug angestarrt hat, konnte man irgendwann sowas wie einen Alien mit einem Joint in der Hand sehen und bekam übelste Kopfschmerzen.
Da das ganze von Warp mitveranstaltet wurde, performten einige der kleineren Acts des Labels wie Beans, Jackson, Chok Rock und Harmonic 33 vor den rund 1000 Leuten, die jeden Abend auftauchten und auf zivilisierte, französische Art bis 6 Uhr morgens feierten. Weiterhin gab es Sets von Marco Passarani, Thomas Brinkmann und TBA, Miss Kittin, Carl Craig, Brooks, Fennesz, Mara Carlyle und Bowlface. Eines der Highlights war der hypnotisierende Auftritt der 78-jährigen Elektro-Akustik-Legende Bernard Parmegiani, der hinter seinem Mischpult stand und zu seinem erhabenen, diffusen Stück „Pouvoir d’ Ouvrée” behutsam mit den Reglern spielte. Ganz der würdevolle, weißbärtige Gentleman, wirkte er sichtlich gerührt vom anhaltenden Applaus zu Beginn seiner Komposition. Später, bei Sonnenaufgang, kroch Chris Cunningham hinter die Bühne und legte eine gute Stunde lang gefälligen Rave und Electro auf das erste Mal an diesem Wochenende, dass jemand sich traute, Platten zu spielen, die die Leute auch kannten und liebten. Allein schon Vitalics „La Rock 01” hat mit sofortiger Wirkung zweitägiges Kinnkratzen vergessen gemacht. Die seltsamste Sache aber passierte am frühen Samstagmorgen, als ein paar einheimische Kids, wahrscheinlich zu Tode gelangweilt von ihrem Vorstadtdasein, beschlossen, ein paar Autos in Brand zu setzen. Es war ein surrealer Anblick, auf dem Rückweg vom Festival zum Hotel den Feuerwehrleuten dabei zuzusehen, wie sie die brennenden Wracks löschenwie in Ballards Roman Super Cannes, in dem die Anwohner sich damit amüsieren, ihr Eigentum zu zerstören, wohl wissend, dass alles versichert ist. Hier wurde auch das Photo von einem aufgeregten Jackson gemacht, das auf dieser Seite zu sehen ist.
SALAMANDOS (KLINGT WIE SALAMANDER)
Es klingt verrückt, aber der holländische Disco-Gott und bekennende Synthie-Freak Legowelt wurde auf dieser Seite seit Monaten nicht erwähnt, aber nicht dass er untätig gewesen wäre. Er, Danny Wolfers, macht einfach weiter sein eigenes Ding, gräbt sich immer tiefer in sein Studio ein und was die anderen denken, geht ihm völlig am Arsch vorbei. Jetzt bringt er sein eigenes Label an den Start: Strange Life Records. Vor einer Weile habe ich die ersten drei CD-only Releases gekauft, zwei davon, Smackos Presents The Age of Candy Candy und Klaus Weltman’s Cultus Island, sind düstere Analog-Odysseen, programmiert auf altmodischen Synthesizern und komplett ohne Beats. Er ist der Meister gruseliger, verstörender Atmosphären und des romantisch-geronnenen Soundtracks.
Die andere, Dark Days, versammelt 14 Tracks, die er als Teenager produziert hat, als ganz offensichtlich die beiden Selected Ambient Works Platten von Aphex Twin bei ihm auf Heavy Rotation liefen. Auf jeden Fall auch cool, wenn man Legowelt-verrückt ist. Letzten Monat erschien die zweite Runde von Bunkers ultra-limitierter Dystopia-Serie und Legowelt scheint für ein paar dieser 12-Inches verantwortlich ist. Da ist die arschtretende Smackulator EP Kicked Toda Curb, auf der er gemeinsam mit einem Typen aus New York namens Speculator stark Richtung Grime geht, und etwas primitiverer Smack-House unter den Pseudonymen Salamados und The Chicago Shags. Außerdem steuert er ein unglaublich klaustrophobisches Psycho-Drama zu Dystopias zweiter Stalingrad 12-Inch bei, genannt „Von Paulus Symphonie In D Mineur”. Sogar noch aufregender ist die Nachricht, dass die erste Legowelt 12-Inch auf Strange Life, Venom 18Mystery Organisation, diesen Monat erscheint. Darauf finden sich sieben turbulent pumpende Drogen-Tracks, die dir das Gefühl geben, du würdest dir eine polnische Polizeiserie aus den frühen 80ern ansehen, oder so ähnlich zumindest.
SKELETONS
Nach der brillanten Minimize To Maximize Compilation, die dieses Jahr erschienen ist, geht Minus Records exquisiter Output in die nächste Runde, mit 3 Releases, an denen niemand vorbeikommt, neue EPs von Troy Pierce, False und Heartthrob. Ich liebe Troy Pierces „Run” und Heartthrobs „Time For Ensor”, im Grunde ist ihre Musik Pop, nur ausgezogen, abgekocht und auf die blanken Knochen reduziertfunky, streng und seltsam. Falses „River Camping” trifft den Nagel auch auf den Kopf, obwohl Matthew Dear (der ist False) sich mit seinem Debutalbum Suckfish als Audion bereits selbst übertroffen hat erschienen auf Spectral. Wenn Du Bock auf 70 Minuten schroffe, zackig-elektronische Störgeräusche hast, ist Dear generell deine beste Wahl, aber Suckfish zischt und knistert mit so einer wilden Freude, dass du schön blöd wärst, das zu verpennen. Auch sein Geld wert ist die 12-Inch von Audions Just Fucking, unterstützt vom lebhaften „23 Positions In A One Night Stand” Acid-Disco Remix von Alter Egos Roman Flügel. Und Lusines Killer-EP Inside Out ist definitiv seine bisher Beste.
PIERS MARTIN