FALLS DU DICH NICHT SO GUT AUSKENNST MIT RUMÄNISCHER KUNST

picture-82

Auch wenn du vielleicht von dir selbst behauptest, „ziemlich gut über Kunst Bescheid zu wissen“, wird es dir nicht schaden, etwas über die Kunstszene in Rumänien zu lernen. Tom Wilson und Milos Jovanovic haben gerade 100 To Watch herausgebracht, eine Art Wegweiser durch die neue Welle rumänischer Kunst. Sie haben 1.000 limitierte Kopien angefertigt und dazu passend eine Website entworfen. Tom hat unseren Kollegen von Vice UK 20 Stück geschickt. Wenn ihr eine wollt, schreibt unseren UK-Kollegen eine Email, aber dann müsst ihr es euch schon selbst abholen, weil sie einen Teufel tun werden, es ins Ausland zu verschicken. Wir haben mit Tom ein bisschen über Kunst, Rumänien, seine Person und unsere Unwissenheit gesprochen.

Vice: Also, Tom, erzähl uns etwas über die Kunstszene in Rumänien. Als sturer Engländer habe ich bis jetzt nicht über Rumänien als Brutstätte neuer Kunst nachgedacht.

Tom Wilson: Ein paar Richtungen, wie zum Beispiel Film, haben in der letzten Zeit in Rumänien einen massiven Boom erlebt. Regisseure wie Cristian Mungiu, Radu Muntean, Cristi Puiu, etc. haben überall auf der Welt Preise eingeheimst und Filme wie The Death of Mr Lazarescu haben es auf der ganzen Welt geschafft, die Aufmerksamkeit der Medien zu erregen. Die Idee hinter dem Buch war, zu zeigen, dass die Szene hier in Rumänien größer als das ist und sich in alle Richtungen der Kunst erstreckt.

picture-51

Fotos von Andrei Butica

Was ist deine Verbindung zur rumänischen Kunstszene, wie bist du damit in Berührung gekommen?

Ich habe das Projekt zusammen mit Milos Jovanovic gemacht und wir sind beide Ausländer. Ich bin Engländer, Milos ist Serbe und wir sind beide schon viel zu lange hier. Ich arbeite als Journalist, Drehbuchautor und DJ. Milos hat eine kleine Designerboutique. Außerdem ist er der Herausgeber von Hardcomics, also der einzige unabhängige Herausgeber von Independent Comics in ganz Rumänien. Letztes Jahr haben wir beide Geld vom rumänischen Kulturinstitut Cantemir bekommen, um jeden Monat eine Zeitung herauszubringen. Dieses Jahr hatten wir größere Ambitionen. Als wir realisierten, dass wir tatsächlich ein Budget bekommen würden, wünschten wir uns beinahe, wir hätten diese Ambitionen nicht gehabt—wir mussten ein 360-Seiten-Buch und eine Website in etwas über vier Monaten auf die Beine stellen.

Für die Leser, die nichts über Rumänien oder Kunst wissen, erzähl uns doch ein bisschen über Kunst in Rumänien. Wie unterscheidet sie sich von der Kunst in England?

Die Szene in Rumänien hält zusammen und ist aus gutem Grund so kompakt – die Mainstreamkultur in Rumänien wird immer ungemütlicher. Die Unmengen von neuem Geld seit dem Einsetzen des Booms, vor zehn Jahren, haben dazu geführt, dass es überall hier aussieht, als sei der amerikanische Traum nach hinten losgegangen. Status bedeutet, ein bestimmtes Auto zu fahren und in allen Bars hängen auf einmal große Plasmafernseher an der Wand. Die meisten Clubs sehen aus, wie ein schlechter LSD-Trip, voller fetter Mafiamäßiger Typen und leicht bekleideter Mädchen, die komischerweise Minimaltechno hören. Das gute daran ist, dass dadurch diese Kunstszene zu Stande kommt. Wenn es nur ein paar Läden gibt, in die man gehen kann, dann bringt das die Leute näher zusammen. Außerdem gibt es eine gute Chance, dass der Typ am Tisch nebenan irgendein Cannes-prämierter Regisseur ist.

picture-31

Pie Fight Study - Adrian Ghenie

picture-41

“A Romantic Christmas” - Ana Banica

Hat der Fall des eisernen Vorhangs eine Explosion der jungen Kunstszene ausgelöst?

Vor der Revolution waren die Künste kollektiviert, fast so wie die Landwirtschaft und die Künstler-Gewerkschaft war das Ergebnis davon. Die Künstlergewerkschaft hat immer noch eine Menge zu sagen—sie vergeben Studios und ihnen gehören alle großen Galerien in Bukarest. Das geht so Richtung Aquarellbilder für alte Damen. Die Galerien sehen aus wie Wohltätigkeitsläden. Das Wachstum der Kunstszene hatte also wenig mit Institutionen wie der Künstlergewerkschaft zu tun. Wo das gesagt ist, das rumänische Kulturinstitut ist schockierend progressiv: ich meine, sie haben zwei unserer Projekte finanziert. Außerdem haben sie letztes Jahr eine Ausstellung in New York gemacht und eine Gruppe Graffitijugendlicher eingeflogen—das ist eine ziemlich mutige Sache für rumänische Verhältnisse. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass sie dafür eine Menge Ärger mit der Presse hatten. Vor allem eins der Exponate war ein richtiger Skandal, ein kleines My Little Pony mit einem Hakenkreuz auf der Stirn. Linda Barkasz, die übrigens genau hinter diesem Stück steckt, ist auch eine unserer 100 To Watch. Sie ist großartig.

Der Fall des eisernen Vorhangs hatte nicht viel Einfluss auf die Kunst weil die 90er für den Durchschnittsungarn extrem hart waren. Viele Familien hatten kaum genug zum Essen, also standen Neuinterpretationen von Joseph Beuys ziemlich weit hinten auf der Prioritätenliste. Die wahre Explosion fing kurz nach Beginn des neuen Jahrtausends an.

picture-61

Foto von Michele Bressan

Das Buch konzentriert sich ausschließlich auf rumänische Künstler, stimmt’s?

Ja, das Buch ist nur über rumänische Künstler. Es gibt in Bukarest eine Menge cooler Künstler, aber wir haben uns entschlossen es ausschließlich bei rumänischen Künstlern zu belassen. Es ist verhältnismäßig einfach für Ausländer, die in Rumänien leben, im Ausland Publicity zu bekommen—es gibt mehr Kanäle für sie, in denen sie sich selbst vermarkten können und sie kriegen immer Aufmerksamkeit aus ihren Heimatländern. Wenn du tatsächlich aus Rumänien kommst, kann die Szene hier ziemlich klaustrophobisch wirken. Oftmals verstehen junge Künstler nicht, welche Vorteile ihnen Bukarest im Vergleich zu, sagen wir mal London, bietet. Die Leute stellen sich die Kulturszene in London viel besser vor, als sie tatsächlich ist. In England gab es Jahrzehnte voller Kultur-PR. Wir wollen das gleiche für Rumänien tun. Ein paar der Menschen im Buch leben jetzt in anderen Ländern, aber wir wollen es so weit wie möglich dabei belassen, was hier im Land passiert. Die Idee ist, dass wir einen Querschnitt der Szene präsentieren. Aus diesem Grund war es sehr schwer, die großen Gewichte der Szene, wie Regisseur Cristian Mungiu gleichberechtigt neben 19-jährigen Newcomern wie Maler Dani Zanga zu zeigen. Zanga hat es ins Buch geschafft, Mungiu nicht—was genau so ist, wie es sein sollte. Wenn du was für Filme übrig hast, dann wirst du eh was von Mungiu wissen. Wir wollten ein paar Leuten Aufmerksamkeit verschaffen, die momentan unterhalb des Radars fliegen.

picture-71

Brainless - Saddo & Heliana


Wie bist du auf die Idee gekommen, dieses Buch zu machen, und warum? Wie lange hat das gedauert?

Wie lang? Frag nicht. Ende Juni haben wir uns als Jury zusammengesetzt und die 100 ausgewählt und im Oktober mussten wir alle 100 interviewt haben und daraus ein Buch mit 360 Seiten gemacht haben. Plus den ganzen Bürokratiekram, den ein Projekt aus öffentlicher Hand so mit sich bringt. Es ist gut zu wissen, dass unsere ursprüngliche Liste von Künstlern über 250 Leute enthielt, die alle verdient hätten, im Buch zu landen. Wir werden vielleicht in Bukarest ein paar Wochen lang den Ball etwas flach halten müssen, weil hier ein paar Künsler ziemlich angepisst sein dürften. Und das Projekt ist noch nicht vorbei. Wir werden 850 der Bücher an Galerien, Magazine und Kritiker auf der ganzen Welt verschicken. Deshalb haben wir 20 Kopien an Vice geschickt. Wir hatten die Wahl zwischen Vice oder Amateur Watercolours Monthly, und Vice hat am Ende das Rennen gemacht.

100-to-watch-ad



28/10/2009 at 09:57 by BRUNO BAYLEY
Tags: , , , , , , ,



COMMENTS