
„Was, du hier?“
Es gibt Tage, da passiert im Grunde genommen genau gar nichts, aber doch erinnert man sich an sie wie an kaum einen anderen Tag in den letzten Wochen. Gestern war einer dieser Tage. Es war der Tag, an dem ich Uwe Kröger gesehen habe. Aber beginnen wir am besten am Anfang.
Es begann mit der Einladung zu einer Weihnachtsfeier im Do&Co Albertina. „Nobel, nobel!“ dachte ich mir und sagte zu. Am betreffenden Tag verließ ich meine Wohnung, spazierte durch den schmelzenden Schnee zu einem Taxistand und bestieg das erste, nicht unbedingt jugendlichste Taxi (der Kühlergrill war bereits dahin) und gab die Albertina als Zielort an. Dann begann der Fahrer mit mir zu sprechen. Man muss bedenken, in Wien kann es einem schon sehr schnell passieren, dass man vom Fahrer angesprochen wird, jedoch will er dann entweder wissen, wie man hinkommt, wo man hin muss oder er lässt sich die Route bestätigen. Den Rest der Fahrt starrt man auf den Taxometer und rechnet aus, wie oft man sich um diese Summe hätte betrinken können. Aber nicht so dieser Fahrer.
Vom optischen her war er ein Zwischending aus Dean Norris (bekannt als „Hank Schrader“ in der großartigen Serie „Breaking Bad“) und dem fehlenden Kühlergrill seines Wagens. Lässig hing er in seinem Fahrersitz und umklammerte das Lenkrad wie den Arm eines kleinen Kindes, welches versuchte zu flüchten. Dann öffnete er seinen Mund, hier kommts:
„Bei dem Wetter will man ja gar nicht aus dem Bett raus. Ich hätte eh genug Haserl um den ganzen Tag beschäftigt zu sein.“
Während er das sprach, fixierte er mich mittels Rückspiegel und reihte sich blind in einen Stau ein. An dieser Stelle wusste ich, dass dies die längste Taxifahrt meines Lebens werden würde.

Wenn ihr Dean Norris die linke Gesichtshälfte eindrückt, dann sieht er aus, wie mein Taxifahrer, der keinen „Überdruck“ in seinen Eiern kennt.
Im Verlauf der nächsten 40 Minuten erfuhr ich alles von diesem Herren. Er meinte, er fährt Taxi, weil er ein „Aussteiger“ sei. Mobster, Zuhälter oder ehemaliger Söldner und Kriegsverbrecher unter serbischer Fahne waren meine ersten Einfälle, als ich überlegte, aus welchem Gewerbe er „ausgestiegen“ ist und wie sich herausstellte, hatte ich nicht ganz soooo unrecht. Zunächst zu den Frauen: Er hat im Moment drei. Seine Ehefrau, auf die er nicht weiter eingehen wollte, eine „heissblütige Italienerin“ in den 40ern, mit Wohnadresse 1010 Wien sowie eine russische Selfmade-Millionärin in den 30ern mit Wohnsitz Monaco. Auf sein „italienisches Katzerl“ ging er besonders ein.
Kennen gelernt hat er sie - eh klar - im Taxi. Eigentlich hatte er ja schon Dienstschluss, als er am Flughafen stand, als sie aus dem Terminal kam und zielstrebig auf ihn zuging. Er wollte ja einen Kollegen bitten, sie zu „übernehmen“, doch sie wollte nur ihn. Und sie starrte in seine Augen, da konnte er nicht mehr nein sagen. Am Weg ins Hotel Imperial beichtete sie ihm gleich alles. Wie einsam sie nicht ist, wie einsam Intelligenz, Erfolg und Schönheit eine Frau machen können. Am Ziel angekommen drehte er sich zu ihr um, hielt ihr seine Visitkarte hin und sagte, ich zitiere:
„Schatzl, wenn Du morgen immer noch einsam bist, dann ruf mich doch an.“
Und sie hat ihn angerufen. Er kam zu ihr, sie tranken Kaffee und, um es blumig auszudrücken, er hat sie geknallt das die Nieren schepperten, nachdem er ihre gepiercte Pussy, die in einer Jogginghose (!) verpackt war, feuchtgefingert hat. Seit acht Monaten geht das nun schon zwischen den beiden Turteltauben, keine Ende in Sicht weil „wir uns einfach gefunden haben, intellektuell wie sexuell. Fast schon spirituell.“ Und ihr Körper erst! Mit ihren 46 Jahren den „Body eines 20-jährigen Models“, alles perfekt geformt und kein Gramm Fett.

Ungefähr so hat sie, den Beschreibungen nach, ausgesehen.
Im Zuge dessen hat er mir auch erklärt, warum sie so auf ihn abfährt, obwohl er nur Taxifahrer ist. Das liegt daran, dass er ihr intellektuell ebenbürtig ist (sieben Sprachen spricht er, so behauptet er!) und das er sie mit der Zunge zum squirten bringt. Weil er ist schon seit seiner frühen Jugend herumhurt wie ein Weltmeister, weiß er auch gar nicht, was sexuelle Frustration sei und wisse genau, was die Ladys brauchen.
Ungefähr die Hälfte der Fahrt war erreicht, da packte er seine restliche Lebensgeschichte auf den Beifahrersitz und ich suchte den Wagen nach der Kamera ab, aus der ein „LOL PWNED“-Fähnlein herausspringen müsste. Er arbeitete im „Sicherheitsgewerbe“ und war in dieser Tätigkeit vornehmlich in Südamerika (70er), dem Ostblock (80er) und im arabischen Raum (späte 90er) unterwegs und sei ein Duzfreund Saddam Husseins gewesen. Seit dem Fall der Mauer verkehre er auch als „Türöffner“ in russischen „Geschäftskreisen“, weil er kenne dort ja alles und jeden, der etwas zu melden hat. Den Ablauf solcher „Geschäftsbeziehungen“ veranschaulichte er wie folgt:
„Die interessiert es nicht, ob du in deinem Heimatland jemand bist. Oder ob du Geld hast. Du musst jemand sein, denen sie vertrauen können. Bei denen gibts kein herumscheissen, weil wenn du einen Fehler machst, dann haben sie dich zuerst da (deutet auf seinen Arsch) und dann da (deutet sich mit einer Fingerpistole auf die Schläfen).“
Das Ziel war fast erreicht, da hatte er noch eine Wuchtel in petto, die alles in den Schatten stellen sollte. Wenn man glaubt, der Typ hat seine Munition abgefeuert, dann packt er die Gschichtldrucker-Granate aus:
„Ich hab ja auch beste Kontakte in jüdische Kreise. Ich bin ja einer der wenigen Nicht-Juden, die akzeptiert werden. Ein guter Freund und Mentor ist ein jüdischer Freimaurer, der schon seit der Zeit des Dritten Reichs in Wien lebt. Der ist unantastbar.“
Ich war regelrecht begeistert! Leider war die Fahrt schon vorbei, man verabschiedete sich mit Handschlag und ich ging die Treppe zur Albertina hoch, nicht wissend, was ich mit dem Schwall an Bullshit in meinem Kopf machen soll.

Sucht man bei Google Images nach Uwe Kröger, kommt unter anderem dieses Bild.
Ich war noch nie zuvor in einer Do&Co-Hütte. Natürlich war ich viel zu früh da, ließ mich aber von einer niedlichen Kellnerin an den reservierten Tisch bringen und als ich den ersten Schluck Bier machte, erblickte ich ihn ein paar Tische weiter: Uwe Kröger.
Eigentlich habe ich weder mit Musicals, noch mit Z-Promis etwas am Hut und allein die Tatsache, dass ich Uwe Kröger auf 15 Metern Luftlinie sofort und über alle Zweifel erhaben identifzieren konnte, stimmte mich Nachdenklich. Ich dachte wirklich darüber nach, denn ich hatte ja noch Zeit und kam zum Schluss, dass ich ja zum einen mit ORF-Zwangsberieselung aufgewachsen bin und zum anderen als Popkulturredakteur auch den Hades der lokalen Unterhaltungsindustrie kennen müsse. Auch verspürte ich das Bedürfnis, diese Sichtung sofort dem Internet zu melden, in meinem unvergleichlich witzigem aber zutiefst einfühlsamen Stil:

Schließlich kam die Festpartie, wegen der ich den weiten Weg aus Transdanubien angereist bin und ich konnte aufhören, Uwe Kröger anzustarren. Jedoch schaffte ich es nicht, ihn völlig zu ignorieren, ihn, Uwe Kröger, mit seinen jugendlich-wilden, nach oben und auf alle Seiten gegelten, teilblondierten Haaren und der braunen Lederjacke - von den Blue Jeans, die so eng waren, dass Hermes Phettberg beim bloßen Anblick einen feuchten Fleck in seine Lederhose gemacht hätte, ganz zu schweigen.
Zuerst saß er mit einem kahlköpfigen Mann allein am Tisch, welcher im zugewandt war und sie schienen sich gut zu unterhalten. Später kam noch ein weiterer Mann mittleren Alters hinzu (I smell a threesome!) und schließlich drei Frauen, die alle irgendwie völlig gleich aussahen, aber definitiv nicht miteinander verwandt waren. Schließlich tranken sie alle Aperol Spritz aus großen Gläsern um 10 Euro der Schluck.

Uwe Kröger verließ das Lokal etwa eine halbe Stunde vor mir. Als ich auf die Toilette ging, quetschte ich mich ganz eng an ihm vorbei, damit ich einmal sagen kann „Ja, ich habe Uwe Kröger berührt.“. Und als ich schließlich auf den leeren Tisch blickte, wo die Aura Uwe Krögers noch ganz eindeutig zu spüren war, stellt ich mir vor, wie er jetzt im selben Taxi sitzt, mit dem ich gekommen war und was was Herr Superfick wohl Uwe Kröger erzählen würde.
OPRYDE





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