MIDIJUNKIES ARE UNITED

Alec Empire ganz in seinem Element.

Alec Empire ganz in seinem Element.

Die letzte Tour von Atari Teenage Riot könnte man schon getrost in die Schublade „Musikgeschichte“ ablegen, hätte sich Alec Empire im heurigen Frühjahr via Twitter nicht dazu entschieden, seine legendäre Band erneut für ein paar Gigs wieder auf die Bühne zu stellen. Um so gespannter waren wir zu sehen ob und wie die Zeichen der Zeit an ATR genagt haben oder ob sie mit dem selben Elan auf unsere Gehörgänge eintreten werden wie in den guten alten 90ern.

Carl Crack verstarb 2001 und man fand mit CX Kidtronik einen durchaus würdigen Nachfolger, der von Anfang bis Ende des Auftritts demonstrierte, dass es ihm eine ziemliche Hetz ist, so richtig die Sau rauszulassen.

CX Kidtronic, kurz bevor er neben Alec Empire ins Publikum „diven“ wird.

CX Kidtronic, kurz bevor er neben Alec Empire kontrolliert ins Publikum stürzen wird.

Bereits beim Opener Activate warf er sich von der Bühne der Szene Wien ins Publikum, drehte ein paar Runden zum herzhaften Einpeitschen des Kollegen Empire und kaum auf der Bühne zurück machte er uns den King Kong und kletterte am Gerüst hoch, was den Bühnenordner nicht unbedingt freute, weshalb er ihn mangels Doppeldecker-Abfangjäger auch gleich wieder mehr oder weniger nachdrücklich per Hand herunterzupfte.

Nic Endo strapazierte ihre Stimmbänder streckenweise mehr als mancher Metalhead seine Axt.

Nic Endo strapazierte ihre Stimmbänder streckenweise mehr als mancher Metalhead seine Axt.

Ebenfalls nicht auf der Bühne war Hanin Elias, ihren Geschreipart übernahm Noise-Chefin Nic Endo. In gelben Turnschuhen hüpfte, rannte und rollte sie über die Bühne, kletterte auf die Verstärker und schaffte es dabei, lauter zu sein als alle elektronischen Gerätschaften zusammen. Ihre neue, erweiterte Rolle schien ihr sichtlich zu gefallen, zumindest ging sie dementsprechend ab.

Streching vor der Revolution Action.

Streching vor der Revolution Action.

Im Gegenlicht.

Im Gegenlicht.

Auch Elektroniker können echte Rockstars sein.

Elektroniker können echte Rockstars sein, besonders mit exotischen Instrumenten.

Auch Alec Empire war von Anfang an voll bei der Sache, schraubte an seiner Elektronik herum und schwang lustvoll das Mikrofon wie ein Wurfgeschoss über seinem Kopf und über denen der Audienz. Irgendwann verschwand das T-Shirt, später verschwand auch Herr Empire persönlich im Publikum, fesselte die ersten drei Reihen mit der Verkabelung um sich dann, zurück auf der Bühne, wieder der Geräuschkulisse zu widmen.

Man feuerte sich durchaus gegenseitig an.

Man feuerte sich durchaus gegenseitig an.

Die Playlist war ein sehr feines Best-Of der bald letzten 20 Jahre, Schlachtsongs wie Burn Berlin Burn durften eben so wenig fehlen wie die Klassiker Raverbashing oder  die extrem kraftvoll gespielten Into the Death und Not your Business. Auf Hymnen wie Destroy 2000 Years of Culture musste man auch nicht verzichten, lediglich auf das gegen Ende lautstark vom Publikum eingeforderte Hetzjagd auf Strache wartete man vergebens.

Nein, das sind keine Hologramme, die waren echt.
Alec Empire von hinten beleuchtet.

Zwischen den Songs, die Streckenweise auch ohne Übergänge, fast schon als Mashups gespielt wurden, gab es auch Noise-Intermezzi und dem Beobachter fiel - für das Jahr 2010 und bei einer Band wie Atari Teenage Riot - wohlwollend auf, dass kein einziger Laptop auf der Bühne zu sehen war (vielleicht hatte Frau Endo einen in ihrem Kasten versteckt, vielleicht werden wir das noch irgendwann erfahren). CX Kidtronik peitschte gelegentlich mit einem Handtuch sein Equipment aus und die Anzeige eines Geräts war wohl bis zum Anschlag auf 999 gedreht (womöglich war es auch 666, oben und unten war nicht eindeutig zu identifizieren aber passen würde es sowieso) als er damit auf den Tisch einschlug.

So kleine Hardware macht so großen Krach.

So kleine Hardware macht so großen Krach.

ATR machen definitiv keine Musik zum stillsitzen, schon gar nicht live. Da ist Dynamik gefragt, im Publikum wie auf der Bühne. Gerade in den ersten Reihen ging gehörig die Post ab, einige blaue Flecken des Autoren legen davon Zeugnis ab. Wie schon erwähnt gab es von Seiten der Band die eine oder andere akrobatische Einlage, auch wurden gelegentlich Verstärker versetzt und Becher auf die Bühne befördert.

Headbangen bis die Kontaktlinsen wegfliegen.

Headbangen bis die Kontaktlinsen wegfliegen.

Was im Weg steht, wird entfernt.

Was im Weg steht, wird entfernt.

Auch hier gilt: Der Weg ins Publikum muss frei bleiben!

Auch hier gilt: Der Weg ins Publikum muss frei bleiben!

Unter strenger Beobachtung.

Unter strenger Beobachtung.

Auch Nic Endo ging Verstärkersurfen.

Auch Nic Endo ging Verstärkersurfen.

Die Band ging von der Bühne, kehrte nach wenigen Minuten wieder zurück und Alec Empire schritt diese auf und ab, versuchte mehr oder weniger mit dem Publikum zu kommunizieren. „Wenn ich etwas frage, will ich Antworten hören!“ wurde mit einem aufgeblasenen Einweghandschuh retourniert, das Publikum skandierte „HETZJAGD!“ (oder auch wenig charmant „SPÜ OIDA!“), Empire forderte das Publikum subtil auf, den Lautstärkepegel anzuheben („Es ist so laut hier, ich verstehe kein Wort.“) und als dieser einigermaßen auf gewünschtem Level war, gab es Start the Riot! als Zugabe.

Riot Up!

Riot Up!

Alles in allem war es ein gelungener Gig, der brachte, was man sich wünschte: Die alten Helden, durchaus weiterentwickelt ohne sich selbst zu strapazieren oder auf den Nostalgie-Effekt zu setzen. Bleibt zu hoffen, dass, wie bereits im demnächst hier erscheinenden Interview mit Alec Empire angespoilert, tatsächlich ein neues Album von Atari Teenage Riot kommen wird, denn auf der Bühne macht sich der frische Wind bereits positiv bemerkbar.

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OPRYDE



16/09/2010 at 10:12
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  1. [...] dachte, Atari Teenage Riot letzte Woche waren laut, der sollte kommenden Montag (27.9.) der fluc_wanne einen Besuch abstatten, [...]