MUSIK WOCHE - PARADIGMENWECHSEL LEICHT GEMACHT MIT LIARS

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Es wird Zeit, mit der Annahme aufzuräumen, der Entstehungskontext von Kunst hätte irgendeinen Einfluss auf das Resultat. Schau dir Liars an. Sie hatten ihre Berlin-Phase, in der zwei Alben entstanden. Jetzt haben sie in L.A. aufgenommen und es trotzdem nicht geschafft, eine Surf-Pop-Platte zu machen. Im Gegenteil, Sisterworld, das neue Album, hört sich kein bisschen weniger abseitig und unbequem an als der Backkatalog der letzten fünf Jahre. Angus war vor kurzem in Berlin (der Kreis schließt sich) und hat uns ein paar Anekdoten aus seiner neuen Wahlheimat mitgebracht.

Vice: Angeblich dreht sich das neue Album ja inhaltlich um Los Angeles.

Angus: Ja. Das Image der Stadt ist mit diesem Mythos verknüpft. Es gilt als dieses Paradies, der Traum von Hollywood, das Schöne, der Glamour locken Unmengen von Leuten an. Aber das ist ja nur ein kleiner Teil der Stadt. Es passiert viel mehr. Es gibt viele Obdachlose, jede Menge Kriminalität etc. Ich wollte L.A. einfach von einer anderen Seite betrachten. Ich sehe L.A. als die Stadt mit den meisten ausgestoßenen und zurückgewiesenen Menschen. Es kommen so viele in die Stadt, um berühmt oder Schauspieler zu werden und nur ein winziger Prozentsatz dieser Leute schafft es letztendlich. Ich finde es interessant zu beobachten, wie all diejenigen, die es nicht schaffen, in dieser Stadt überleben. Welche Strategien sie entwickeln, um immer noch mit sich im Reinen zu sein, nachdem jemand sie zurückgewiesen hat. Und es gibt einfach viele Räume, in denen sich diese Menschen aufhalten und bestimmte Lebensstile entwickeln und davon hört man eigentlich nicht viel. Es wird nicht thematisiert.

Dann sind die Punkausbrüche auf dem Album also die Abbilder der Hollywoodfrustrierten?

Ja, das kann man so sagen. Ich lebe in einem Teil von L.A., der jetzt nicht unbedingt dafür bekannt ist, extrem gewalttätig oder angsteinflößend zu sein, aber viele Teile von L.A. sind etwas unsicher und du weißt nie genau, was passiert, wenn die Sonne untergeht. Und dadurch habe ich einiges an Gewalt mitbekommen, ich habe einen Typen sterben sehen. Er hat versucht den Laden auszurauben, über dem ich wohne. Und er wurde einfach erschossen.

Vom Ladenbesitzer?

Nein, von den Security-Leuten. Und ich finde es interessant, was es in einem auslöst. Ich erinnere mich, dass ich das auf beängstigende Weise aufregend fand. Danach war ich von mir selber angeekelt, weil mir der Kerl nicht leid tat und ich scheinbar nicht realisierte, dass da gerade ein Mensch gestorben ist. Ich dachte nur, wow, da passiert gerade etwas sehr intensives! Und dann habe ich angefangen, die Leute intensiver zu beobachten und mir fiel auf, wie sie alle in ihren Autos bleiben. Und ich bin die ersten sechs Monate dort absichtlich kein Auto gefahren und nur in meiner Gegend herumgelaufen. Und es ist ein sehr merkwürdiges Gefühl. Überall laufen Obdachlose herum und die Leute in ihren Autos schließen diesen Teil der Realität komplett aus ihrer Wahrnehmung aus. Und das verursacht tatsächlich Frustration und kann dich auch wütend machen.

Klingt nicht so als würdest du länger dort leben wollen.

Nun ja, es gibt viele Orte, an denen du all dem entkommen kannst. Und das ist es ja, was die meisten Leute machen. Es wird einem leicht gemacht, Dinge zu ignorieren. Downtown ist voll von Obdachlosen, also geht man einfach nicht nach Downtown. Das ist furchtbar. Auf der anderen Seite gibt es auch tolle Seiten der Stadt. Es ist nur merkwürdig, die ganze Zeit dieses Dilemma um dich herum zu haben.

Realisierst du den Hype, der gerade um die Bandszene in L.A. gemacht wird?

Ich kriege das schon mit, aber ich beschäftige mich gar nicht so viel mit Musik. Ich gehe ab und zu auf Shows und ein paar Freunde von mir spielen in anderen Bands. Und es ist gut dort, anders als in Berlin, ein Netzwerk zu haben. Ich mag Ariel Pink zum Beispiel. Aber ich höre gar nicht so viel Musik, zumindest nicht die aktuellen Bands. Ironischerweise höre ich meistens K-Rock im Radio, also einen Major-Rock-Sender. Sie spielen im Prinzip nur Songs von vier Bands: Foo Fighters, Offspring, Green Day und … sagen wir Red Hot Chili Peppers. Und ich höre solchen Kram normalerweise nicht und ich hasse es sogar, aber erstaunlicherweise läuft bei mir im Auto meistens K-Rock. Irgendwie ist das inspirierend. Du denkst, oh mein Gott, ich hasse das so sehr, ich muss unbedingt etwas ganz anderes machen. Und trotzdem höre ich es mir an … es ist schon verrückt.

Das so genannte guilty pleasure …

Ja, aber es ist auch etwas anderes. Ich hasse mich ja dafür. Ich sage jedes Mal, hör auf, dir diese Scheiße anzuhören!

Dann ist es vielleicht eher die Faszination des Grauens.

Ja genau! Genau die gleiche Geschichte wie mit dem Typen, der erschossen wurde. Du weißt, du willst damit eigentlich nichts zu tun haben und du verabscheust es, aber du saugst es trotzdem förmlich auf. Und du beginnst sogar Ausschau danach zu halten. Es ist so eine Art Masochismus.

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Ihr werdet schon zum jetzigen Zeitpunkt von Kritikern und Fans sehr kultisch verehrt und kriegt fast ausschließlich sehr gute Reviews. Denkst du, den Leuten würde es überhaupt noch auffallen, wenn ihr mal ein beschissenes Album macht?

Haha, ja ich glaube schon. Ich denke eigentlich jedes Mal, dass sie das jeweils aktuelle Album zum beschissenen Album erklären. (lacht) Ich bin mir eigentlich nie sicher, wie es die Leute aufnehmen. Das macht mir auch ein bisschen Angst. Aber um ehrlich zu sein, mittlerweile ist es mir auch fast egal. Ich versuche nicht mehr so sehr auf die Reviews zu achten. Ich rede viel mit Freunden darüber und frage sie nach ihrer Einschätzung. Aber ich habe das Interesse daran verloren, etwas über unsere Musik zu lesen.

Wie ist denn deine eigene Einschätzung, was das neue Album betrifft?

Es widert mich ein wenig an. Also hinsichtlich der Tatsache, was da aus mir heraus gekommen ist. Manchmal schreibe ich etwas und dann, mit etwas Abstand, denke ich: Ach wirklich, das da geht also in mir vor? Und ich fühle mich auch peinlich berührt, wenn ich mir vorstelle, dass mich andere auf der Grundlage der Songs und der Texte beurteilen. Die meisten Leute werden wohl denken, ich sei abgefuckt, weil ich bestimmte Dinge sage. Gerade auf diesem Album habe ich ein paar Dinge verarbeitet, von denen ich nicht wusste, dass sie überhaupt in mir sind. Und nachdem sie draußen waren, hat mich das selber erschreckt. Es geht um eine bestimmte Stimmung. Wir haben viele Lieder aufgenommen, einige davon waren beispielsweise sehr zugänglich, aber wir haben uns dafür entschieden, nur die Songs aufs Album zu nehmen, die diese Stimmung abbilden, die wir im Kopf hatten. Je unbehaglicher und schwerer sich die Songs anfühlten, desto besser. Und es ist gut, dass es uns gelang, dem Album diese Identität zu geben. Und die Frage, die das Album letztendlich aufwerfen soll ist: Bin ich glücklich?

Bist du glücklich?

Ich weiß es eben nicht! Sind wir glücklich, als Menschen, oder täuschen wir es die ganze Zeit nur vor? So fühlt es sich zumindest meistens an. Nimm nur die Werbung. „Kauf einen iPod!”, „Hör dir genau diese Musik darauf an!” und dann hast du einen Spot, in dem fröhliche Menschen in bunten Klamotten zu fröhlicher Musik tanzen. Ich frage mich, wie ich in diese Welt reinpassen soll. Und ich frage mich, gibt es noch andere Menschen, die sich darin nicht wieder finden oder liegt es echt an mir? Gibt es noch andere Menschen, die das ablehnen oder ist es so, dass sie sich nicht darin sehen, aber genau das einfach akzeptieren? Ich lehne fröhliche Musik nicht grundsätzlich ab, ich kann sie auch wertschätzen. Ich finde mich nur nicht darin wieder und neige deswegen dazu, selber verstörende, düstere Musik zu machen.

Stell dir mal vor, die Werbeindustrie ist seit Jahrzehnten auf der falschen Fährte und du könntest tatsächlich mit negativer Ästhetik viel mehr verkaufen.

Ja, vielleicht sollten sie das mal probieren. Aber leider wird das Feld ja schon von den News bestellt. Je beängstigender die Nachrichten sind, desto verschreckter sind die Zuschauer und desto mehr investieren sie, um sich zu schützen. Und das scheint ja zu funktionieren.

ANDREAS RICHTER

Fotos: Christoph Voy





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