
Vor sechs Jahren hat sich Monrovia, die Hauptstadt von Liberia, wie die Hölle angehört. Während sich der brutale Bürgerkrieg nach 14 Jahren zu einem blutigen Ende stotterte, waren die Straßen erfüllt vom Krach der Kalaschnikows, die 24 Stunden täglich von Teenagern in die Luft gefeuert wurden, die auf Koks und Heroin waren.

Die Schreie der Sterbenden wurden von den Wänden der Blechhütten, die wichtigste Art liberianischen Immobilienbesitzes, zurück geworfen. Männer, Frauen und Kinder schrien in Todesqual während ihnen die Gliedmaßen bei lebendigem Leibe ausgerissen wurden. Ihre noch schlagenden Herzen wurden ihnen aus der Brust gerissen und von Soldaten in Frauenkleidern gegessen.
Der Krieg ist jetzt vorbei und die UN hält einen wackeligen Frieden aufrecht. Der Krach von Gewehrschüssen und Bomben und die markerschütternden Schreie von Folteropfern hört man nicht mehr, aber Monrovia macht trotzdem immer noch ein schreckliches Geräusch. Es ist die Stimme von Akon. Und man hört sie 24 Stunden am Tag, durch kleine Radiolautsprecher, überall wo man hingeht.
Ab und zu wird er vielleicht mal von einem Lil’ Wayne Track unterbrochen oder von Christina Milian, aber normalerweise ist es Akon, Akon, Akon, Akon überall wo du hingehst, den ganzen Tag, jeden Tag. Nachdem du eine Woche da warst, fängst du an es zu mögen, weil es das einzige ist, was es gibt. Während wir mit unserem Wagen mit 5 km/h versuchen durch die überfüllten Straßen zu kommen und der Fahrer manchmal anhält um die Waisen wegzuscheuchen, die Schokoladenkekse oder Plastiktüten gefüllt mit Wasser verkaufen, erwische ich mich oft dabei, wie ich mitsinge; besonders zu ‚Lock U’, das zugegebenerweise ein ziemlich guter Song ist.
Der aus dem benachbarten Senegal stammende Akon wird in Liberia verehrt. Er hat im April 2008 ein Konzert gegeben und ALLE waren begeistert. Sogar so sehr, dass es eine Masseninvasion der Bühne gab, die sie fast zum Einsturz brachte und Akon fast zerquetschte. Er konnte nochmal flüchten aber versprach den tausenden rasenden Ex-Soldaten eine Niederlassung seines Labels Kon Live Distribution in Liberia zu gründen um lokale Talente unter Vertrag zu nehmen.
Ein Jahr später, und das Versprechen wurde immer noch nicht eingelöst.
Das macht einheimische Künstler wie Picarlo ziemlich traurig. Sein Song ‚Major Headlines’ ist stark von Akon beeinflusst und handelt davon, dass die Medien nie die Wahrheit über Liberia berichten.
Wir sind zu ihm nach Hause gefahren und er hat eine Art von Konzert für uns gegeben. Ich sage ‚eine Art’ weil sein Elektrizitätsgenerator ständig zusammenbrach. Eine Gruppe von Rappern ist die ganze Zeit um uns herum getanzt und hat MTV Rap Videos imitiert. Sie haben ohne Mikrofone zu einer springenden CD gerappt, was das Publikum, bestehend aus sieben bis 15-Jährigen, ziemlich amüsiert hat.
Picario singt und spricht in einem merkwürdigen Akzent. Es ist nicht das Kreol, das die meisten Liberianer benutzen sondern eine Imitation der Sprechweise von Rappern bei MTV Cribs, weil das die einzige Welt ist, die er außerhalb von Nigeria kennt.
“Every day we stay on the grind on the hustle, nah mean?” sagt er zu mir, während wir den staubtrockenen Feldweg zu seinem Haus runter gehen. “My peoples making paper on the reals. We representing the L.I.B. We make hot tracks to tell people how we be living in the ghetto. Cos this is the ghetto life for real, ya feel me?”
Als wir an barfüßigen Kleinkindern in amerikanischen Second Hand-Klamotten, die sich Fliegen aus den Augen wischten, im Dreck saßen und Reis aus Plastikschalen aßen, vorbeiliefen, wussten wir ziemlich genau, was er meinte.
Nachdem sein Konzert endlich ein Ende gefunden hatte, haben wir Picardo verlassen um etwas weiter vom Ghetto entfernt, in einer reicheren Nachbarschaft, den anderen großen Namen des Raps in Liberia zu treffen.
Hinter Stahltoren und bewacht von Sicherheitsleuten lebt Bentman, aka Charles Taylor Jr, aka der Sohn des Warlords und Expräsidenten von Liberia Charles Taylor, der gerade ziemlich ungemütlich in Den Haag sitzt. Er ist wegen verschiedener Kriegsverbrechen und den damit verbundenen Unmenschlichkeiten angeklagt. Angeblich unterstützt von der amerikanischen Regierung hatten er und sein Kumpel Prince Johnson Mitte der 90er gegen Liberias ersten eingeborenen Präsidenten Samuel K. Doe geputscht. Vorher kamen alle Präsidenten Liberias aus Amerika. Johnson folterte und tötete Doe und nahm das ganze auf Video auf, er schnitt ihm die Ohren ab, während er eine Dose Budweiser trank.
Es dauerte noch weitere sieben Jahre, in denen er sich mit den üblichen Aufgaben beschäftigte, die ein brutaler Bürgerkrieg von einem verlangt, bis Taylor mit dem Slogan „Er hat meine Mutter getötet, er hat meinen Vater getötete, aber trotzdem wähle ich ihn” zum Präsidenten gewählt wurde. Angeblich hat er Massenvergewaltigungen, Kannibalismus, Amputation und das begraben von Schwangeren bei lebendigem Leibe als Kampfmethoden einsetzen lassen.
In einem übergroßen Celtics Shirt führte uns ein ruhiger, intelligenter, junger Mann durch dieses Haus in dem er mit seiner Mutter lebt, die mittlerweile von Taylor Senior geschieden ist.
Überall im großzügigen Wohnzimmer standen Fotos von seinem Vater neben verschiedenen internationalen Würdenträgern. Jacques Chirac, Mandela, Clinton, Farrakhan hängen alle im Rahmen an der Wand, wie sie Benthams Eltern die Hände schütteln.
Bentmans Bruder ist auch ein interessanter Charakter. Chuckie Taylor half seinem Vater im Krieg manchmal ein bisschen aus. Er sitzt jetzt für die nächsten 97 Jahre hinter Gittern, weil er ein paar ziemlich schlimme Dinge gemacht hat. Er hat angeblich jemanden nackt in eine Grube gesteckt und dann Feuerameisen über ihn schaufeln lassen. Er hat auch Leute mit geschmolzenem Plastik gefoltert.
„Mein Bruder hat mich zum Rap gebracht” erzählt uns Bentham, als wir im Wohnzimmer seiner Mutter stehen, direkt neben einem großen goldenen Adler. „Er muss sich momentan mit ein paar unangenehmen Umständen herumschlagen weil ein paar Leuten Lügen über ihn erzählt haben aber wir hoffen, dass er das bald überwinden kann.”
Wir wollten mit ihm in sein Schlafzimmer gehen und ihn dabei aufnehmen wie er in seinem Ministudio acapella rappt, aber nachdem er mit seiner Mutter geredet hat, sagte er uns, dass es besser wäre, dass Gespräch im Wohnzimmer unter einem Ölportrait von Charles und seiner Frau fortzusetzen.
„Die meisten Leute sehen uns als die Taylors aus dem Medien,” sagt Bentman. „Sie wissen eigentlich gar nicht, wer wir sind. Als mein Vater noch da war, waren die Dinge viel einfacher, jetzt sind nur noch meine Mutter und ich da. Mein Vater war kein schlechter Mensch. Die Leute um ihn herum waren verrückt und er wurde dafür verantwortlich gemacht. Man kann nicht überall zur gleichen Zeit sein.”
Wir haben ihn gefragt, was er über die Theorien denkt, dass sein Vater von Amerika dabei unterstützt wurde Samuel Doe zu stürzen und er antwortete: „Ich glaube, dass da immer eine größere Hand hinter der politischen Situation in Liberia steckt. Man hat es immer als zusätzlichen Bundesstaat gesehen oder als Stiefkind Amerikas.”
„Es war ein Satellitenstaat, in dem Washington in Monrovia anrief um meinem Vater zu sagen, was er zu tun hatte. Wenn sie dich nicht herumkommandieren konnten, arrangierten sie einen Militärputsch um das Land zu destabilisieren und währenddessen die Wälder und die Minen auszubeuten. Amerika hat mein Land für über ein Jahrhundert benutzt. Und genau das ist auch mit meinem Vater passiert. Er wurde von Amerika benutzt.”
Gegen Ende von unserem Treffen gab er uns sein L.S.D. (Legal Street Dope) Mixtape und bedankte sich dafür, dass wir die Wahrheit über seinen Vater sagen und seine Musik promoten.
Wir haben doch noch einen Acapella Freestyle Rap bekommen, als seine Mutter im Nebenzimmer war und gekocht hat, das hier ist eine Textstelle: “If you wanna try me I can take it to another base where I can get your whole face laced / You don’t know me daddy / You better smile at me / Cos it get real ugly real quickly.”
Wir haben das nicht für einen Moment angezweifelt, haben uns verabschiedet, in der Dunkelheit vor seinem Haus unser Auto gesucht und sind wieder zurück ins Hotel gefahren.
Im Radio lief ein Lil’ Wayne Song. Und danach Akon.
ANDY CAPPER




