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![]() ![]() Dr. Najeeb Al-Nuaimi war der führende Anwalt des letzten Verteidiger-Teams von Saddam Hussein. Bekannt wurde Al-Nuaimi aber schon durch die Verteidigung von Guantánamo-Häftlingen. Vor kurzem nahm sich der renommierte Menschenrechtsvertreter der arabischen Welt Zeit für ein Interview mit uns.
Dr. Najeeb Al-Nuaimi: Ich muss sagen, dass ich damit gerechnet habe. Hat Saddam auch damit gerechnet? Er sagte: „Wenn mein Schicksal der Tod ist, warum sollte ich es verändern wollen?“ Leider hat Saddam ein internationales Gerichtsver-fahren mit folgender Begründung abgelehnt: „Ich bin hier geboren und hier will ich auch sterben.“ Er wollte kein zweiter Milosevic werden, sondern im Irak bleiben, obwohl er wusste, dass es sich um ein Verfahren der Besatzer handelte: Sein Land war besetzt und das Gericht wurde von Amerikanern eingerichtet. War er in den Gesprächen mit Ihnen bei klarem Verstand? Ja. Er war bei klarem Verstand und er war sich der Situation bewusst. Er war überzeugt davon, dass die Entscheidung über seine Strafe schon im Vorfeld gefallen war und das Verfahren nur noch ein Schauprozess war. War er sich der Tatsache bewusst, dass er durch seine Hinrichtung für die meisten Iraker zu einem Märtyrer werden und den Aufstand anheizen würde? Also, erst einmal muss ich sagen, dass Sie den falschen Begriff verwenden: Es handelt sich nicht um einen Aufstand. Wir nennen es Widerstand. Egal ob baathisch oder islamisches handelt sich um Widerstand. Saddams Auftreten und seine politischen Statements haben arabische Nationalisten auf der ganzen Welt ermutigt. Sie zeigten, dass sich dieser Mann vor absolut gar nichts fürchtete. Er glaubte, dass sein Land von den momentan dort herrschenden Kräften befreit werden müsse. Wir alle glauben dassogar ich. Im Irak gibt es eine Besatzung: Wir sollten uns nicht vormachen, dass wir frei wären, dass die Amerikaner gegangen wären oder es freie Wahlen gäbe. Das ist nicht wahr. Der Irak ist ein besetztes Land. Warum haben Sie sich bereit erklärt, Saddam zu verteidigen, wo doch seine Schuld an schweren Menschenrechts-verletzungen so eindeutig ist? Vertei-digten Sie die Ära Saddam oder den Angeklagten Saddam? Seine Familie und einige Kollegen haben sich an mich gewendet, und ich zögerte zwei oder drei Monate, bevor ich den Job schließlich annahm. Man kennt mich als Menschenrechtsaktivisten, was ganz offensichtlich nicht so recht mit meinem Job als Saddams Verteidiger zusammenpasst. Nach den in Großbri-tannien veröffentlichten Fotos von Saddam in Unterwäsche wurde mir klar, dass seine Würde als Mensch verletzt wurde. Ich fand, dass dieser Mann einen guten Anwalt brauchte und so verteidigte ich den Angeklagten Saddam und nicht die Ära Saddam. Er wurde von den Besatzern ins Gefängnis gesteckt, und es war sein gutes Recht, mich als seinen Anwalt zu haben. Wurde durch Ihre Entscheidung für die Verteidigung Ihr Leben in Gefahr gebracht? Fünf meiner Kollegen starben auf sehr brutale und schreckliche Weise und auch ich wurde als Verteidiger Saddams im Irak wie ein Gefangener behandelt. Während des Verfahrens hat man uns vom Flugzeug am Flughafen direkt in einen Helikopter gesetzt. Das war zu unserer eigenen Sicherheit, hatte aber nichts mit Freiheit zu tun. Es handelte sich um ein amerikanisches System und wir unterlagen einer amerikanischen Befehlskette. Es gab für mich als Anwalt keine Freiheit, selbstbestimmt zu kommen und zu gehen. Man sagte mir dauernd: „Sie riskieren, getötet zu werden“, und gab mir zu verstehen, dass man nicht die Verantwortung für mich übernehmen würde. Der Irak ist nicht wirklich frei und unabhängig, wenn Anwälte ein- und ausgeflogen werden müssen und man zusammen mit 60 Kollegen in einer Villa mit drei Schlafzimmern und zwei Toiletten gefangen gehalten wird. Wir waren alle sehr frustriert. Nach einer Woche lagen unsere Nerven ziemlich blank. Könnten wir über das Verfahren an sich sprechen? Saddam wurde militärisch besiegt, jedoch nicht verfassungsmäßig. Das bedeutet, dass man ihn zwar durch kriegerische Handlungen aus dem Amt gezwungen hat, er aber immer noch den Status des Präsidenten hatte. Er genießt definitiv den Schutz eines Kriegsgefangenen gemäß den Genfer Konventionen und die sind in diesem Punkt sehr eindeutig. Dort wird nämlich klar festgelegt, wie mit einem Präsidenten, einem Oberkommandierenden, seinen Truppen und seinen Waffen umzugehen ist. Aber die Regeln der Genfer Konventionen scheinen keinerlei Bedeutung für die USA zu haben. Wenn es nämlich nach diesen Gesetzen gegangen wäre, hätte man Saddam freigesprochen. Also dachten sie: „Was sollen wir nun tun?“, und sie entschieden sich dafür, sich alles selbst zu erschaffen. Nachdem man Millionen Dollar ausgegeben hatte, kam Paul Bremer [Anm. d. Red.: Koordinator des Büros für Wiederaufbau und humanitäre Unterstützung im Nachkriegs-Irak.] auf die Idee, ein Sonder-gericht mit dem Namen Central Criminal Court of Iraq einzurichten. Ist das eine vollkommen neue Verfahrensweise? Nun ja, selbst Milosevic wurde das Recht auf einen fairen Prozess und auf eine Verteidigung zugestanden. Der Unterschied zu Milosevic besteht darin, dass sein Prozess nach internationalem Strafrecht verhandelt wurde. Im Irak richtete Bremer den so genannte „Court Number 1“ (Gericht Nummer 1) als Sondergericht ein. Die Amerikaner beharren immer darauf, dass alle Sondergerichte in der Dritten Welt aufgegeben werden sollten und es keine Militärgerichte geben sollte, aber diese ganze Debatte wurde durch die Einrichtung dieses Gerichts hinfällig. Dieses Sondergericht wurde von Amerikanern konzipiert und eingeführt.
Es war kein internationales, sondern ein von ethnischen Interessen bestimmtes Verfahren. Es hätte ein unparteiisches Verfahren geben sollen, und man hätte den Mitangeklagten sowie Nebenanklägern das Recht und die Zeit geben müssen, sich selbst zu äußern. Auch meinem Team und mir selbst hätte das Recht eingeräumt werden müssen, frei und offen zu sprechenstattdessen sagten die Richter jedes Mal, wenn wir aufstanden, um einen Einwand vorzubringen zu uns: „OK, OK, später. Sie können sich später äußern.“ Das hat uns nicht gerade ein gutes Gefühl, geschweige denn Vertrauen in das System vermittelt. Ich denke, dass ich mit einem soliden, unabhängigen und unparteiischem Gericht einen Freispruch erreicht und man Saddam nicht zum Tode verurteilt hätte. Man hätte ihm seine normalen, gesetzmäßigen Rechte nicht verweigern dürfen. Wie war sein geistiger Zustand vor der Hinrichtung? Ich sah Saddam im Juli 2006 das letzte Mal, weil das Gericht uns gegen Ende des Prozesses weitere Treffen mit ihm untersagte. Er war ziemlich normal, wenn man bedenkt, dass er Medikamente wegen seiner Herzprobleme nahm. Außerdem war er auch nicht mehr der Jüngste und saß zu diesem Zeitpunkt, ohne zu verstehen warum seit über drei Jahren in Haftund das, nachdem er 30 Jahre lang Präsident des Iraks gewesen war. Wir fragten ihn, ob er jemanden sehen wolle und er sagte: „Ich würde gerne meine Familie und meine Tochter sehen, aber meine Familie ist nicht das Problem. Meine Probleme sind die Probleme des Irak. Ich bin kein inhaftierter Krimineller, der mit seiner Familie reden muss.“ Wurden ihm im Gefängnis irgendwelche Sonderwünsche gewährt? Alles was er wollte, und im Übrigen auch erhielt, weil wir darauf drängten, war ein Radio, um BBC hören zu können und Cohibas. Was denken Sie über das Vorgehen bei Saddams Hinrichtung und die Lobgesänge auf den radikalen irakischen Schiiten-Führer Muqtada al-Sadr, während Saddam gehängt wurde? Dadurch wurden zwei Dinge sehr deutlich: Der große Hass im Herzen der schiitischen al-Mahdi-Armee und der Hass und die Zersplitterung unter den politischen Parteien des heutigen Iraks. Die Ereignisse bei der Hinrichtung zeigten auch, dass der ganze Prozess auf ethnischen Einstellungen basierte und es ein politischer, nicht aber ein sachlicher Prozess war. Sie haben öffentlich erklärt, dass der Prozess eine Schande war. Hat es dann überhaupt Sinn gemacht, ihn zu verteidigen? Ja, das hat es. Wir müssen immer etwas tun. Sich einfach weiter etwas vorzumachen, ist gefährlich. Ich kann nicht daneben stehen und zusehen, wenn ein Fehlurteil gefällt wird. Was denken Sie über den Irak ohne Saddam? Ich denke, dass mit dem Tod von Saddam eine Ära abgeschlossen wurde. Welche Zukunftsaussichten gibt es Ihrer Meinung nach für den Irak? Es gibt sehr viele Vorhersagen. So gibt es das Gerücht über ein riesiges Massaker am 12. Juni zwischen Schiiten, Amerikanern und allen anderen. Das hat alles nichts mehr mit Saddam zu tun, da er jetzt ein Teil der Geschichte ist. Die Amerikaner haben die Büchse der Pandora geöffnet und verstehen nicht, was daraus entstehen wird. Es wird keine Gefühle und kein Erbarmen gebennur Tod. Sie sollten ein Buch über Ihre Erlebnisse im Verfahren gegen Saddam schreiben. Ich führe gerade Gespräche mit einem Agenten in den USA. Ich brauche allerdings noch einen Herausgeber. Wenn die Leute das lesen, werden sie weinen. Hat Saddam Ihnen gegenüber jemals Bedauern geäußert? Ich habe ihn einmal gefragt: „Warum Saddam? Warum? Warum die Invasion von Kuwait?“ Er hat nur mit den Schultern gezuckt und gesagt: „Jeder macht Fehler. Ich habe Fehler gemacht, aber ich habe auch einiges für mein Land getan.“ Hat man ihm bis zum Ende Zigarren gegeben? Ja, er hatte bis zum Ende seine Cohibas. INTERVIEW VON HECTOR MUELAS UND JAMIE-JAMES MEDINA |
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